
Die meisten Besucher verlassen Baku Sie reisen mit einer ihnen bekannten Route im Kopf nach Norden. Sie haben die Fotos gesehen von Chinalig Hoch über den Wolken saßen sie und hörten von den Kupferschmieden von LahijaOder planen Sie vielleicht einen kurzen Zwischenstopp in Basgal ein, bevor Sie Ihre Reise nach Sheki fortsetzen. Am Ende des Tages gesellt sich eine weitere Sammlung wunderschöner Bilder zu den Tausenden, die bereits online geteilt wurden.
Doch die eigentliche Geschichte der Bergdörfer Aserbaidschans beginnt erst, nachdem die Fotos gemacht wurden.
Jahrhundertelang gelang dem Großen Kaukasus etwas, was nur wenigen Gebirgszügen weltweit so erfolgreich gelungen ist: Er hielt Gemeinschaften voneinander fern. Tiefe Täler, hohe Pässe und strenge Winter isolierten benachbarte Dörfer so vollständig, dass jedes seine eigenen Bräuche, Architektur, Handwerkskunst und bemerkenswerterweise sogar seine eigene Sprache entwickelte. Schon eine Reise von nur fünfzig Kilometern konnte sich einst wie der Eintritt in eine andere Kulturwelt anfühlen.
Diese außergewöhnliche Vielfalt besteht zwar noch heute, wird aber immer seltener.
Khinalig ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel. Das Dorf liegt auf über 2,000 Metern Höhe und hat nicht nur eine unverwechselbare Lebensweise bewahrt, sondern auch die Khinalug-Sprache, die nirgendwo sonst auf der Welt gesprochen wird. Sprachwissenschaftler zählen sie zu den ältesten noch existierenden Sprachen des Kaukasus, sie ist nicht mit dem Aserbaidschanischen verwandt und wird nur von der lokalen Bevölkerung verstanden. Für viele Besucher ist die dramatische Bergkulisse die offensichtliche Attraktion. Weniger offensichtlich – aber wohl noch bemerkenswerter – ist, dass Kinder, die in den engen Gassen spielen, dazu beitragen, eine sprachliche Tradition am Leben zu erhalten, die älter ist als viele moderne europäische Staaten.
Die Architektur erzählt hier eine andere Geschichte. Da ebene Flächen seit jeher rar waren, bauten Generationen von Dorfbewohnern ihre Häuser direkt in den Berghang hinein, sodass das Dach der einen Familie ganz natürlich zum Hof der anderen wurde. Von oben betrachtet wirkt das Dorf fast wie mit dem Berg verwoben, anstatt auf ihm errichtet. Was zunächst ungewöhnlich erscheint, entpuppt sich schnell als praktische Antwort auf Geografie, Klima und jahrhundertealtes gemeinschaftliches Leben.
Einige Stunden südwestlich schlängelt sich eine weitere Bergstraße nach Lahij, doch die Atmosphäre ändert sich schlagartig. Während Khinalig die Widerstandsfähigkeit einer abgeschiedenen Berggesellschaft widerspiegelt, erzählt Lahij die Geschichte traditioneller Handwerkskunst. Der rhythmische Klang von Hämmern, die auf Kupfer schlagen, hallt seit Generationen durch die Steinstraßen. Viele Werkstätten verwenden noch immer Techniken, die vom Vater an den Sohn weitergegeben werden, und fertigen handgefertigte Tabletts, Teekannen und dekorative Gefäße, die noch immer fast so geformt sind wie vor Jahrhunderten. Besucher bleiben oft stehen, um die fertigen Stücke vor den Werkstätten zu bewundern. Ein noch unvergesslicheres Erlebnis ist es jedoch, eine Werkstatt zu betreten und einem Handwerker dabei zuzusehen, wie er geduldig ein einfaches Kupferblech in ein Objekt verwandelt, dessen Fertigstellung mehrere Tage dauern kann.
Anders als viele traditionelle Handwerksdörfer, die sich allmählich zu Freilichtmuseen entwickelt haben, ist Lahij eine lebendige Gemeinde geblieben. Nachmittags schlendern Besucher durch die Werkstätten und Cafés. Abends, nachdem die Touristenbusse abgefahren sind, versammeln sich die Nachbarn vor ihren Häusern, Kinder fahren mit dem Fahrrad durch die engen Gassen, und Gespräche dringen aus den offenen Türen, während ab und zu noch das Klirren eines Kupferschmiedehammers durch das Dorf hallt. Zu dieser Stunde offenbart Lahij seinen wahren Charakter – nicht als Touristenattraktion, sondern als Bergdorf, in dem der Alltag weitgehend so weitergeht wie eh und je.
